Kintsugi - japanische Ästhetik und die Philosophie des Wabi-Sabi

Kintsugi - japanische Ästhetik und die Philosophie des Wabi-Sabi

30.07.2021 - Kategorien: Allgemein

Philosophische Ästhetik: Wabi-Sabi

Wabi bedeutet in etwa, sich einsam und verloren, ein wenig elend zu fühlen. Sabi bedeutet, alt zu sein, gereift zu sein und damit Patina zu zeigen. In der Teezeremonie kommt beides zusammen. Die durch unsymmetrische Gestaltung so besondere Raku-Keramik verändert mit der Zeit ihr Aussehen. Ihre Farbe entwickelt sich. Die Tee-Zeremonie selbst ist, wie Raku-Keramik, alt. Sie trägt schwer an der steifen Form des Zeremoniells, deren einzelne Bewegungen für Außenstehende doch so leicht und elegant wirken.

Die echte wahre Schönheit ist in der Natur zu finden. Finden muss man hier wörtlich nehmen, denn ohne Suche geht es nicht. Diese Schönheit im Wabi-Sabi liegt nicht offen zutage, sondern verbirgt sich hinter dem Offensichtlichen. Sie muss durch nähere Betrachtung erst erschlossen werden. Die Unvollkommenheit der Natur eint diese Ästhetik sehr eindrucksvoll: Nichts in der Natur ist absolut symmetrisch. Ein kleiner Makel, ein Fleck, eine Verfärbung ist immer dabei. Die Vergänglichkeit zeigt sich in absterbenden Blättern, die erst durch ihre Farbenpracht so wunderschön wirken. Wabi-Sabi ehrt den Makel, der die Schönheit betont.

Teeschale auf einem Wabi Sabi Buch

Wabi Sabi und Kintsugi?

Aber was hat nun Kintsugi damit zu tun? Wabi-Sabi erhebt die Akzeptanz des Nicht-Vollkommenen zum Urprinzip der Ästhetik. Was sich noch entwickelt, was nie abgeschlossen ist, zeigt in jedem einzelnen Moment eine andere Facette vollkommener Schönheit, die nie in ihrer Vollendung erfasst werden kann. Risse im Lack, Kratzer, Unebenheiten und Brüche in der Keramik zeigen erst, wie schön das Stück eigentlich ist. Keramik ist nie vollkommen. Sie entwickelt sich ständig. Ein mit der Kintsugi-Technik betonter Bruch ist nur ein weiteres Entwicklungsstadium. Wie Lebensadern oder Wurzeln ziehen sich die goldenen Linien durch die Keramik.

Werkzeug für die Kintsugi Technik
Vorbereitung in der Werkstatt für die Kintsugi Technik

Urushi: Lack, um niedrig gebrannte Gefäße zu dichten

Die Kunst der Keramik ist in Japan sehr, sehr alt. Wir kennen Gefäße, die mehr als 10.000 Jahre alt sind. Die Stücke wurden bei niedrigen Temperaturen gebrannt, wie sie heute eigentlich nicht mehr üblich sind. Die niedrigen Temperaturen waren leichter zu erreichen, ließen die Tongefäße aber auch instabiler, offenporig und nicht dicht sein. Der Naturlack Urushi wird seit der Jomonkultur in Japan als Überzug für Tongefäße verwendet. Archäologische Funde belegen, dass Keramikscherben vor 4.500 Jahren mit Urushi-Lack geklebt wurden. Bis heute ist Urushi-Lack die Grundlage der Goldlacktechnik, als Kintsugi bezeichnet. Die Technik wurde über die Jahrhunderte verfeinert, mit Goldpulver und anderen edlen Metallen kombiniert. So entstehen heute aus zerbrochenen Keramikstücken wunderschöne, einzigartige Gegenstände, die uns erstens weiter im Alltag begleiten und zweitens eine individuelle Geschichte erzählen - voller Respekt für das hohe Handwerk, das sowohl hinter der Raku-Keramik als auch hinter der Kintsugi-Technik steht.

Die Herkunft des Lacks

Umgangssprachlich wird Urushi auch als China-Lack bezeichnet. Bei der klebrigen Masse handelt es sich eigentlich um den Wundsaft des Lackbaums. Der wird in mehreren Schichten übereinandergelegt und bei hoher Luftfeuchtigkeit und Temperaturen von etwa 30 Grad Celsius aufgetragen. Urushi kann eingefärbt werden und muss absolut staubfrei verarbeitet werden. Ist der Lack einmal getrocknet, wird er sehr beständig. Wasser, Alkohol und Lösungsmittel können ihm so wenig anhaben wie Säuren. Urushi-Lack ist lebensmittelecht und bleibt elastisch.

Mit Kintsugi reparierter Teller

Kintsugi ist eine Philosophie

Überträgt man den Gedanken hinter Kintsugi auf das ganze Leben, ergibt sich eine Handlungsanweisung. Wir begegnen täglich der Vergänglichkeit, dem einen oder anderen Ende. Kontakte brechen ab, Menschen sterben, Möglichkeiten ergeben sich nicht, Chancen sind vertan. Wir verlieren geliebte Menschen und geliebte Dinge. Wie gehen wir damit um? Was machen diese ständigen Brüche und Veränderungen mit unserem Leben? Können wir sie einfach annehmen?

Kintsugi nimmt an. Und zwar nicht nur das: Der Riss in der Keramik, die Bruchstelle, wird betont. Denn mit dieser Technik reagieren wir die Keramik nicht nur. Sondern wir ergänzen fehlende Stücke und geben der Bruchstelle durch aufgetragenes Metallpulver einen besonders edlen Glanz. Durch den erlittenen Bruch wird das Stück einzigartig. Wir können eine neue Beziehung im Alltag zu dem eigentlich verloren geglaubten Stück Keramik aufbauen, es ist durch die Reparatur noch wertvoller geworden. Das ist keine keramische Technik mehr - Kintsugi ist eine Lebensphilosophie. Und diese Philosophie gründet auf dem Buddhismus: Der Kerngedanke dieser Religion ist, dass sich alles in beständigem Wandel befindet. Nichts vergeht wirklich, die Dinge, Menschen, Situationen verändern sich nur. Falten und Narben sind keine Makel, sie erzählen von einem Leben, von der Schönheit des Lebens selbst.

Hinter jeder Tradition steht eine Legende

Hinter jeder weisen Einsicht im Leben versteckt sich eine gute Geschichte. Welche Geschichte verbirgt sich hinter Kintsugi? Wir schauen zurück in das 15. Jahrhundert. Japan ist ein Flickenteppich feudal strukturierter Provinzen, die alle irgendwie dem Shogun, einem Militärherrscher, unterstellt sind. Der Kaiserhof ist nicht abgeschafft, hat seine Macht aber an die kriegerischen Daimyo unter dem Shogun abgegeben. Eine Militärdiktatur also, wenn man es so will, mit dem Kaiser und seinem Hofstaat als repräsentatives Faktotum ohne Macht.

Mit der Kinsugi Technik reparierte Teeschale

Shogun Ashikaga Yoshimasa zog nie ohne sein geliebter Chawan, die Teeschale, in den Krieg. Denn natürlich geht auch an der Front das Leben weiter, nach und vor den Kampfhandlungen wurde zur geistigen Erbauung und zur mentalen Stärkung die Teezeremonie mit ihrem meditativen Charakter abgehalten. Bei einem Gefecht zerbrach allerdings der Chawan. Ashikaga Yoshimasa sammelte die Scherben auf und verwahrte sie. Nach Ende des Krieges ließ er die Schale in China von erfahrenen Keramikern reparieren - und war ob des Ergebnisses entsetzt. Die einzelnen Teile der Teeschale wurden nun mit Metallklammern zusammengehalten, die jedem Teil weiteren Schaden zufügten. Also bat er japanische Kunsthandwerker, eine weniger invasive und vor allem ästhetischere Form der Reparatur zu entwickeln. Das war natürlich nicht ganz einfach, und das Ergebnis ließ lange auf sich warten. Der Legende nach fürchteten sie sogar um ihre Zunft. Irgendwann hatten die Handwerker jedoch Erfolg: Sie klebten die Teeschale mit Urushi-Lack, dem sie Goldstaub beigemischt hatten. Der Shogun war überglücklich, er konnte seine geliebte Schale wieder verwenden. Und nicht nur das: Er fand sie tatsächlich schön.

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